Wut auf die Eltern

Wut auf die Eltern verbotenIn unserer Kultur soll man Vater und Mutter ehren – jedes Jahr ein Vatertag und ein Muttertag der einen daran erinnert – eine absolute Zumutung!

Ich fordere einen „Wut auf die Eltern Tag“
oder überhaupt die Erlaubnis auf Eltern wütend zu sein!

Ich wohne in einem kleinen, „friedlichen“ Vorort von Stuttgart. Diese Woche gabe es „ups“ wieder einen kleinen Zwischenfall, ein Gewaltverbrechen in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein 27-jähriger hat seinen Vater ermordet und noch irgendwelche Körperteile abgetrennt. Plötzlich mitten in so einem SEK Einsatz zu stehen, kam mir zuerst unwirklich vor, als wäre ich in die Dreharbeiten zu einem Tatort hineingeraten. Aber das war Ernst, das beschäftigt mich noch, darum schreibe ich darüber.

In den Stuttgarter Nachrichten steht dass „.. eine psychische Erkrankung des Sohnes eine Rolle gespielt haben dürfte.

Na toll und was wäre, wenn die seelische Spaltung des Vaters ein Rolle gespielt haben dürfte? Das rechtfertigt natürlich keinen Mord, nur würde ich zu diesen Anlässen gerne etwas vom Hass und der berechtigten Wut auf die Eltern lesen! Die zwar Liebe vortäuschen aber eigentlich durch Macht und Manipulation Anpassung und Gehorsam fordern und ihre Kinder (auch als Erwachsene noch) emotional verstricken – das macht doch so wütend, dieser Wut-Stau ist gefährlich.

Oder etwas von Alice Miller:

Der Schmerz ist nirgends verboten, nicht in der Erziehung und nicht in den Religionen. Daher braucht er nicht verdrängt zu werden. Nur die Wut auf die eigenen Eltern ist weltweit verboten, wird daher gefürchtet und oft lebenslang unterdrückt oder auf Sündenböcke verschoben. Wer seine eigene unterdrückte Wut maßlos fürchtet, wie zum Beispiel Freud, verbündet sich gerne mit der Lüge und erfindet Theorien, die die empörende Wahrheit leugnen. Der berechtigte Zorn öffnet nachweisbar die Türen zum eigenen Mut und damit zur emotionalen Ehrlichkeit. Der Schmerz allein tut dies nicht, wenn er den Zorn leugnet.

„Emotionale Ehrlichkeit“ ist doch eine wunderschöne Wortkombination. Würde diese Wut gespürt und an der richtigen Adresse ausgedrückt und gehört werden, hätten wir wahrscheinlich Weltfrieden. Ich selbst habe keine Kinder und verstehe es nicht, warum Eltern Wut bei ihren Kindern nicht zulassen können. Diese Wut spüren ist sehr wichtig um sich von den Eltern abzugrenzen/zu lösen und ein eigenes Leben zu führen.

Eltern vergeben? Das kommt vielleicht von alleine, wenn die Wut vollständig gefühlt wurde und die elterlichen Verbrechen nicht zu schlimm waren … das ist nicht „machbar“. Damit darf man sich in der Wut-Phase keine Sekunde beschäftigen.

Persönlich war ich in der Angelegenheit nicht sonderlich erfolgreich. Ich habe zwar viel Wut gespürt und bei meiner Therapeutin ausgedrückt aber meine Mutter war unerreichbar, da hörte ich nur: „Das prallt von mir ab, wie Regentropfen an der Fensterscheibe“ oder „Den Schuh zieh ich mir nicht an“ (da sind schon ein paar Schuhe zusammengekommen)

In der Entwicklungstrauma-Literatur ist oft Thema, dass die Nachkriegseltern ihre Säuglinge nicht emotional versorgt haben, da sie sich von ihren Emotionen abgespalten haben. Fast schlimmer finde ich es, wenn sie die Ablösung ihrer Kinder verhindern. Das sind nicht zu unterschätzende Seelenqualen, das bringt viele Erwachsene zur Verzweiflung und in die Therapie.

Das ist auch mein Thema. Meine Mutter sieht mich als ihre Selbsterweiterung, mit der sie machen kann, was ihr gerade in den Sinn kommt, als wäre ich eins ihrer Besitzobjekte. Das passiert so schnell – dass ich mich nur nachträglich wundern kann, wie sie das wieder hinbekommen hat. Dieses grenzverletzende Verhalten machte mich regelmäßig kollosal wütend, das wurde mit zunehmendem Alter immer noch schlimmer. Sie hat aber früher auch viel sehr gut gemacht – ist also keine „total schlechte Mutter“. Diese Ambivalenz macht die Sache nur leider noch schwerer zu verarbeiten. Ich habe mir damals therapeutische Unterstützung geholt und habe (nach Jahren) nun mehr äußere und innere Distanz zu ihr.

Ich erinnere mich an Zeiten, da habe ich ein Zeugenschutzprogramm für mich ersehnt – um mit neuem Namen, in einer fremden Stadt, weit weg von ihr, einfach in Frieden leben zu können. Davon hat mir meine Therapeutin einst abgeraten – das Problem würde mit in die neue Stadt kommen – Kontaktabbruch ist keine (Dauer-)Lösung – das verhindert eher die persönliche Reifung. Ich denke sie hat recht.

Falls das dein Thema ist, hätte ich hier noch etwas: Emotionale Verstrickungen