Der Weg des Künstlers

Der Weg des KünstlersJulia Cameron hat ein 12-Wochen Programm in Buchform entwickelt, mit dem die Kreativität im Menschen freigesetzt wird. Kreativität ist also in jedem vorhanden und das Programm räumt die Hindernisse aus dem Weg.

Dafür stellt sie 2 Werkzeuge vor: Morgenseiten schreiben und der Künstlertreff (etwas mit dem inneren Künstlerkind unternehmen).

In der Einführung werden diese Werkzeuge erklärt und anschließend folgen die 12 Wochen Kapitel. Jedes Kapitel enthält ein paar Essays zu Persönlichkeitsentwicklungs-Themen und anschließend eine Aufgabenliste, die man in dieser Woche bearbeiten soll. In den Aufgaben räumt man die Vergangenheit auf und weckt quasi die Sehnsucht auf ein besseres, kühneres Leben. Die Aufgaben sind recht umfangreich und in einer Woche kaum zu schaffen. Ich habe für das Buch eine „Lesegruppe“. Wir treffen uns schon seit Jahren 1 x im Monat um über die Inhalte und das sonstige Leben zu sprechen. Ich finde das ist eher ein 12-Monats-Programm – oder für das ganze restliche Leben.

Eine glückliche Kindheit jetzt

Das innere Künstlerkind ist ein Begriff, der mir sehr gut gefällt. Sich selbst als sein eigenes Kind zu sehen, herauszufinden was ihm Spaß macht, sich Zeit für es zu nehmen, es an neue Orte führen und auch solche, die ihm immer wieder gefallen. Es durch schwierige Gefühle zu begleiten. Das ist wirklich eine Möglichkeit die Kindheit in einer schöneren Variante nochmal nachzuholen … und ich ahne schon, das wird nie fertig.

Mit der Leichtigkeit und der Freude des inneren Kindes komme ich schnell in den Kontakt, wenn ich mich wie ein Kind verhalte und bewege. Z.B.:

  • Radeln – mit dem Fahrrad ins Tal hinunterschiessen und dabei den Wind in den Haaren zu spüren (bin noch Generation helmfrei)
  • Bescheuert tanzen – flotten Barfußtanz aufs Parkett legen
  • Barfuß laufen, bevorzugt auf matschigem Waldboden. Wenn einem die Dreckwürste durch die Zehen flutschen und man nur hoffen kann, dass es keine Nacktschnecke ist
  • Wassertreten – in einen Fluß oder Brunnen steigen und darin herumlaufen, falls er tief genug ist natürlich auch im Fluss schwimmen.
  • Balancieren – auf der Stadtmöblierung, Slackline und was sich sonst so eignet
  • Feuerchen machen – in den Wald sitzen und in die Flammen sehen. Auch Holz suchen, hacken, sägen und schnitzen ist toll.
  • Kinderbücher, Märchen und Comics lesen
  • Zeichentrickflme anschauen
  • Mit den inneren Kindern in anderen Erwachsenen herumalbern, spielen und sich unmöglich benehmen (rülpsen, Melonenkernweitspucken und so)
  • Singen, reimen und Schlager mit neuen Texten versehen

 

Das Kind als Künstler

Ich habe in der ersten Zeit mit meinem Künstlerkind etwas am Klavier improvisiert, erstaunliche Rhythmuserfahrungen gemacht und auch Melodien von Kinderliedern ertastet. Danach bin ich beim zeichnen und 2D animieren gelandet und schon seit einigen Jahren damit beschäftigt. Ich sehe das gerade als Zeit zum spielen, zweckfrei, ich muss da nichts erreichen – auch keine Ziele in einer bestimmten Zeit. Zeichnen und animieren lernen ist ja quasi eine Lebensaufgabe, damit werde ich niemals fertig.

Ich tappe da immer wieder in die Falle ehrgeizig zu werden und das mit Disziplin angehen zu wollen. Mit Perfektion und Leistungsdruck bockt allerdings mein „Künstlerkind“ sofort und dann geht wieder gar nichts mehr. Beim Abbau dieser Blockaden hilft mir das Buch immer wieder. Motiviert mich weiter kleine Schritte zu machen und mich darüber zu freuen. Darauf zu vertrauen, dass es mit der Zeit immer besser wird und ich immer wieder Ideen habe/bekomme, die ich umsetzen möchte. Also zu lernen, mit diesem kreativen Künstlerkind-Teil in mir gut umzugehen ist so der Hauptnutzen meiner Lektüre des Buches.

Wenn altes nicht mehr trägt …

und neues noch nicht in Sicht ist, fühlt sich das Leben ziemlich grauslich an. In dem Buch stehen schon so Sätze, wie: „Es ist wichtig sich in Erinnerung zu rufen, daß Normalwerden sich zu Beginn wie Verrücktwerden anfühlt.“ Das liest sich so harmlos, doch sind das Phasen extremer Unsicherheit und Verwirrung, wenn es das alte Leben, die alte Persönlichkeit zerbröselt und verdrängte und abgespaltene Gefühle aus der Kindheit hochkommen. Je nach Ausmaß der frühen Verletzungen und Traumatisierungen ist da therapeutische Begleitung erforderlich – dieser Hinweis fehlt mir im Buch.

Die Sache mit Gott

Das hätte ich nun fast vergessen, der Untertitel des Buchs lautet: „ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität“ und es geht dabei oft um Gott. Wer bei der Buchstabenkombination G-O-T-T einen Kotzkrampf bekommt und dabei nur an eine dogmatische katholische Kirche denkt, wird es mit dem Buch wahrscheinlich schwer haben. Ein falsches Gottesbild (z.B. der strenge Buchhalter mit dem Sündenregister), das einem noch nicht einmal bewusst sein muss, kann die Kreativität oder das ganze Leben extrem hemmen. Ich bin ziemlich gottlos aufgewachsen und dadurch zumindest persönlich nicht negativ vorbelastet. In meiner 2. Lebenshälfte habe ich mich ganz plötzlich für die christliche Mystik interessiert und ich spüre inzwischen diese Energie in jeder Zelle, von der Julia Cameron schreibt.

Fazit

Mir gefällt es auf dem Weg des Künstlers zu sein, beim ersten mal lesen war ich nicht so überzeugt von dem Buch – wegen der amerikanischen Erfolgsstories und den Affirmationen, von denen ich nichts halte. Wenn man die Veränderungen auf das Leben erst mal spürt wird es nach meiner Erfahrung zum Selbstläufer und Lebensbegleiter. Das ist kein Buch zum nur 1x lesen – ich lese immer wieder darin und es hat mein Bewusstsein sehr verändert.

Ich habe „Der Weg des Künstlers“ in einer alten Auflage, gebraucht gekauft. In der alten Auflage gibt es in Randkästen schöne Weisheitssprüche, die in der neuen Auflage nicht mehr enthalten sind. So einer z.B.:

Die mächtigste Muse von allen ist unser eigenes inneres Kind – Stephen Nachmanovitch

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Eine Antwort auf „Der Weg des Künstlers“

  1. Hey Susanne,

    du hast es echt super auf den Punkt gebracht und ich habe ähnliche Erfahrungen mit dem Buch. Bei mir ist es schon ne Weile her dass ich es gelesen habe und ich glaube ich nehme es wieder zur Hand. Danke für die Inspiration!

    Alles Liebe Evelyn

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