Trauma, Sucht und die Suche nach Sicherheit

Trauma, Sucht und die Suche nach Sicherheitvon Lisa M. Najavits. Das Buch habe ich seit Jahresanfang und erstaunlicherweise greife ich täglich danach und lese etwas darin. Dieses Buch hat schon gute Veränderungen in mein Leben gebracht – ich habe nun beschlossen in nächster Zeit ernsthaft damit zu arbeiten. Die Suche nach Sicherheit wird hier nicht mit der Polyvagal-Theorie erklärt, was ich erwartet hatte. Es geht um die Sicherheit durch sicheres Verhalten, im Gegensatz zu impulsivem, verantwortungslosem Verhalten.

Das Klientel von Frau Najavits hat deutlich krassere Süchte, Traumatisierungen und Probleme als ich – das macht mir Mut. Wenn es denen gelingt, zu heilen, dann müsste doch auch bei mir noch etwas gehen? Sie kommt aus der kognitiv-behavioralen Therapieecke – was für mich neu ist, da ich ja bisher nur mit Körper-Trauma-Therapie Erfahrungen gemacht habe und mich etwas in systemische Themen selbst eingelesen habe. Ich dachte Verhaltenstherapie taugt nichts – von wegen, das kommt jetzt genau richtig für mich! Das Buch wirkt im Unterbewusstsein und spricht mein Großhirn und mein Ich an. Es hat dafür gesorgt, dass ich mich um mich und meine Angelegenheiten verantwortlich und besser kümmere und wieder etwas Planung in mein Leben bekomme.

Das ist ein Selbsthilfe-Arbeitsbuch mit 35 ziemlich kurzen Kapiteln, die unaufdringlich und in kleinen Dosen informieren und inspirieren. Nach einem kurzen Textabschnitt stellt Frau Najavits Fragen, mit denen man das gelesene in Bezug zum eigenen Leben setzen kann, die zum Nachdenken und reflektieren anregen. Anfangen tun die Kapitel meist mit einem kurzen Zitat. z.B:

Wir alle neigen dazu, selbst zu glauben, was die Welt über uns glaubt.
– George Eliot

Dann kommen die Informationen, Ausschnitte aus Büchern, die sie zitiert und zum Abschluss eines Kapitels gibt es noch „Stimmen Genesender“ – einen Text, den Klienten von ihr geschrieben haben, über das Thema und den Bezug zu ihrem Leben. Da lese ich so dahin und dann kommt wieder ein Satz der mich total flasht, der wichtig für mich ist.

Im Anhang gibt es dann noch einen sehr guten Ratgeber für Helfer, Angehörige, Freunde und Partner. Einen Test für excessives Verhalten und ein Quiz. Da habe ich eine Bestätigung für einen alten Gedanken von mir gefunden, dass Traumasumpfman von den starken Gefühlen traumatisierter Menschen „kontaminiert“ werden kann und selbst Traumaprobleme bekommt – die Sekundärtraumatisierung betrifft nicht nur Rettungskräfte und Therapeuten – auch unbedarfte Freunde und Angehörige kann das mit in den Sumpf ziehen.

Hier eine Übersicht der Kapitel und ich bin noch dabei, die Kapitel kurz zu beschreiben.

1 | Traumata, Suchterkrankungen oder beides überwinden

Hier werden Trauma und Sucht etwas definiert und miteinander verbunden. Das Kapitel macht mir Hoffnung, dass meine Traumaheilung meine Süchte überflüssig macht und dass ich Menschen finde, denen ich vertrauen kann, die mich gut behandeln.
2 | Der Anfang
Ein starkes, motivierendes Kapitel. Die eigene Sprache, Worte und Formulierungen finden, die zu mir passen. Über meine Stärken, Eigenschaften, nachdenken (aktiviert das Selbst). Sich um die Bedürfnisse kümmern, einen Plan für die Nutzung des Buches machen: Ok, ich lese jeden Tag etwas darin, setze mich hin und arbeite damit. Wichtige Stellen markieren und rausschreiben, Ideen aufschreiben – ich habe nun ein Notizbuch dafür und Karteikarten.

3 | »Die Dinge entwickeln sich gut« – Davids Erfahrungen

David erzählt hier seine Trauma und Drogen Geschichte und wie vergleichsweise gut es ihm heute geht – beziehungsfähig – trocken – erfülltes Leben – fühlt sich verbunden – liebt sich nun in seiner Unvollkommenheit und kann mit Freude und Schmerz umgehen. Er hat das Universum um Hilfe gebeten, den starken Wunsch nach Veränderung gespürt, Einzeltherapie gemacht usw. also einige Methoden kombiniert.

4 | Es ist ein medizinisches Problem – Sie sind weder verrückt noch faul noch schlecht

Hm, mir gefällt es nicht so gut Trauma und Sucht als ein medizinisches Problem/ eine Krankheit zu sehen, weil ich bei „medizinisch“ an Ärzte und Medikamente denke. Ich sehe das eher als ein gesellschaftliches/soziales Problem und individuell als ein biologisches/psychologisches Problem – die Auswirkungen von Trauma und Sucht auf das Nervensystem, das Gehirn, die Beziehungen.

5 | Wie verändern sich Menschen?

Z.B. durch neue Coping-Strategien, Trauerarbeit, Quatensprung, durch Beziehungen, physische Einflüsse (z.b. Körperübungen), Zwang, Konzequenzen und Kreativität. Zur Kreativität schreibt Sie sehr schön:

Kreativität hilft Ihnen, zu Teilen Ihrer Person in Kontakt zu treten, die Sie anderenfalls nicht erreichen. Sie ermöglicht Ihnen, emotionalen Schmerz in einen authentischen Ausdruck Ihrer persönlichen Wahrheit zu verwandeln, der andere inspiriert oder in der Welt etwas bewirkt.

6 | Die Welt ist Ihre Schule

Heilungsgeschichten von anderen suchen und sich dadurch inspirieren lassen.

7 | Lauschen Sie Ihrem Verhalten

Achten Sie auf Ihre Handlungen – mehr als auf Gefühle, Gedanken und Worte! Das ist etwas für mich. Es ist echt erstaunlich, wie mein Gehirn Ausschnitte der Realität einfach ausblendet, damit ich mich gut fühle und Spaß habe und dabei wird mein Leben wieder zu einer verantwortungslosen, völlig unkontrollierten Katastrophe.

Trauma, Sucht, Realität
Es gibt auch einen Fragebogen, mit dem man sein Verhalten Woche für Woche evaluieren kann.

8 | Der Wunsch im Gegensatz zur Wirklichkeit

Anregungen und nützliche Fragen um sich mit der Wahrheit zu konfrontieren.

9 | Finden Sie Ihren Weg

Was brauche und will ich wirklich, welche Art der Hilfe/Therapie könnte für mich passen? Selbst entscheiden und nicht mit etwas Vorlieb nehmen, was nichts bringt.

10 | Potentielle Ich-Zustände

Wer hoffe ich zu werden/ Wer fürchte ich zu werden?

11 | Die Sprache des Traumas und der Sucht

Die Bedeutung von Wörtern recherchieren, da die Sprache wichtig ist, das Denken und Fühlen formt und wie wir unsere Beziehungen und Erlebnisse deuten.

12 | Sicheres Coping

Dieses Kapitel enthält eine Liste mit 84 Coping-Strategien, mit denen man lange üben kann. Von denen waren einige bei mir gleich erstaunlich wirksam. Z.B. wenn ich tranfunzelig langsam bin, mal das Tempo erhöhen und etwas extrem schnell machen.

13 | Sozialer Schmerz

Wie Gehirnscans zeigen, ist sozialer Schmerz so real wie physischer Schmerz und aktiviert die gleichen Regionen. Ungerechtigkeiten, zum Sündenbock gemacht werden, Diskriminierung, Demütigungen, … tuen weh. Diese Wunden heilen durch vertrauenswürdige Menschen und werden unbedeutender durch die Beschäftigung mit anderen Dingen, z.B. Natur, Kunst, lernen und körperliche Aktivitäten.

14 | Echtes Selbstmitgefühl

Echtes Mitgefühl kann zu Verhaltensänderungen führen, dann geht man sanfter und verantwortungsbewusster mit sich um, sorgt besser für den eigenen Körper und erfüllt anstehende Verpflichtungen.

15 | Warum Trauma und Sucht oft miteinander verbunden sind

Ein Kapitel zum erforschen (der persönlichen und der Familiengeschichte). Was war zuerst da? An was bin ich motivierter zu arbeiten?

16 | Sich selbst vergeben

Mit der Vergangenheit ins Reine kommen und sich um eine bessere Zukunft bemühen. Ja – niemand hat mir ein besseres Leben beigebracht, ich wusste es nicht besser.

17 | Körper und Biologie

Trauma und Sucht können dazu führen, dass man den Körper nicht spürt, dissoziiert oder dauerhaft Stress im Körper hat. Auch funktioniert das Gehirn nicht mehr gut. Sich konzentrieren, urteilen, planen und denken sind erschwert. Abschließend gibt es einen Fragebogen um die Beziehung zum Körper zu bewerten.

18 | Einen ruhigen Ort schaffen: Die Fähigkeit, sich zu erden
Oh – da gehe ich jahrelang nach Innen um mich zu erden und lese dann hier: „Erdung bedeutet, auf die Äußere Welt statt nach innen, auf sich selbst zu fokussieren.“ Sie nennt das auch gesunde Distanzierung – sehr cool, das funktioniert. Ich habe da eine eigene Methode gefunden. Wenn ich meine Gedanken beschreiben lasse, was ich gerade tue, z.B. ich binde am linken Schuh eine Schleife, ziehe die Jacke an und gehe hinaus und laufe eine Runde. Ich spüre die kühle Luft im Gesicht und an den Händen und höre einen Vogel … dann kann mein Gehirn nichts anderes denken … und ich beruhige mich schnell wieder.

19 | Die Kultur des Schweigens

In diesem Kapitel geht es darum, dass ein traumatisiertes Familienmitglied über sein Trauma nicht sprechen darf. Die Kraft/Macht des „sag ja nichts“ kenne ich auch – das ist wie ein Energiefeld, das einen Mundtod machen kann. Nur wer schweigt, weiß nicht wer er ist! Darum ist wesentlich sprechen/ der Selbstausdruck so wichtig für mich.

20 | Motivation: Ein Problem als Hebel für die Arbeit an der Lösung eines anderen nutzen

Ein motivierendes Kapitel, das zum Nachdenken über aktuelle Lebensziele anregt und wie die Arbeit an Trauma und Sucht gleichzeitig sich darauf positiv auswirken könnte.

21 | Ein Plan für die Genesung

Für die Genesung ist es gut positives Verhalten zu verstärken und schädigendes zu verringern. Das Kapitel enthält eine Anleitung um einen konkreten Plan dafür zu entwickeln. Ich habe gar keine Mess-Daten zu meinem süchtigen Verhalten und werde nun erst mal ein paar Tage Strichlisten führen zu Zigaretten, Espressokannen … und vielleicht finde ich ja im Router-Menü etwas zu meiner Internet-Surf-Zeit? Dann gibt es noch eine Liste mit Anregungen für positives Verhalten und eine mit hilfreichen Tipps zur Plan-Durchführung.

22 | Jedes Kind ist ein Detektiv

Hier geht es um die unbewusste Prägung durch die Kultur und Familie in der man aufgewachsen ist. Welche negativen Botschaften man dadurch verinnerlicht hat. Dazu eine Liste mit schädigenden und positiven Botschaften.

23 | Wie man über einen Rückfall hinwegkommt

Daraus lernen!

24 | Die Verbindung sehen

Interessante Liste um den Bezug einer Sucht zum Trauma zu untersuchen

25 | Üben

Beispiele mit denen man sicheres Coping üben kann. Sich gedanklich damit auseinandersetzen, sich bildlich vorstellen, wie man sich in diesen Situationen am besten verhält.

26 | Identität: Wie Sie sich selbst sehen

27 | Wahrnehmung: Wie andere Sie sehen
28 | Die Entscheidung für die Entwicklung
29 | Dunkle Gefühle: Wut, Haß, Rache und Verbitterung
30 | Imagination
31 | Ein heilendes Bild schaffen
32 | Einen guten Therapeuten finden
33 | Zwei Arten von Beratung bei Traumata
34 | Was Verletzte zurückgeben können
35 | »Wir alle liegen in der Gosse, aber einige von uns sehen die Sterne«

Das sind wichtige Lebensthemen, die das Buch zu einem mehrjährigen Begleiter machen können. Ich finde nicht alles super, aber ich finde immer wieder etwas, was mich weiterbringt. Darum geht es ihr auch, einfach mal etwas ausprobieren und schauen ob es wirkt. Den eigenen Weg finden!
Im Buch werden keine Trauma-Therapiemethoden erklärt, wie konkret die Traumaheilung funktioniert. Ich denke das Geheimnis liegt in der regelmäßigen Beschäftigung damit und an den Fragen. Die regen das Selbst, den präfrontalen Kortex an, den braucht es um aktiv zu werden, um wieder ins handeln zu kommen.

BalkonabflussMich hat es an mein Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit erinnert. Es fühlt sich echt gut an, mich um die Dinge, für die ich verantwortlich bin, zu kümmern. Wie z.B. das verstopfte Balkonabflussrohr – das habe ich erfolgreich zerlegt, gereinigt und wieder angeschraubt. Das war eine spürbar tolle Selbstwirksamkeits-Erfahrung!

Das Buch ist vom G.P.Probst Verlag, der sich offensichtlich auf Trauma-Bücher spezialisiert hat. Mir gefallen die Bücher von diesem Verlag. Die sind schon haptisch ein Vergnügen, tolles Papier, schönes Layout, ordentlich lektoriert und auch sorgfältig und verständlich formuliert.

Das Buch gibt es (leider ohne Blick ins Buch) bei amazon:
Amazon.de -> Trauma, Sucht und die Suche nach Sicherheit: Neue Strategien der Selbsthilfe bei Belastungsstörungen und begleitendem Substanzmißbrauch

Das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe gibt es direkt beim Verlag:
https://www.gp-probst.de/buecher/najavits-trauma-sucht/najavits-trauma-sucht.html