3 Gründe, warum dein Leben scheiße läuft

voll fertig und scheiße draufIch bin gerade wieder über einen Blogbeitrag gestolpert mit dem Titel: „5 positive Gewohnheiten, die dich glücklich machen“. Diese positiven Glücks-Lebensratgeber überschwemmen das Internet und gehen mir schon mit diesen Überschriften tierisch auf die Nerven. Dem will ich mal einen Beitrag entgegensetzen.

Also hier die 3 Gründe warum dein Leben scheiße läuft:

  1. Du lebst in einer bindungsgestörten, traumatisierten Gesellschaft
  2. Du hast selbst eine Bindungsstörung u./o. Traumata
  3. Durch diese Ratgeber mit ihren völlig ungeeigneten Methoden denkst du noch du machst was falsch, weil du damit nicht glücklich wirst.

 

Bindungsstörung/Entwicklungstrauma

Ein Trauma ist jedes überwältigende Ereignis, das unser Nervensystem nicht in Echtzeit verarbeiten kann. Das können schon Verletzungen, Operationen und Verluste sein, gestörte Bindungen zu den Bezugspersonen in der frühen Kindheit oder heftige Gefühle, mit denen man alleine gelassen wurde, die nicht vollständig gefühlt wurden (Angst, Wut, Ohnmacht u. Hilflosigkeit ..).

(Siehe z.B. Dami Charf – Entwicklungstrauma u.a. Videos)
In diesem Videovortrag  erklärt sie die Stressresistenz des Nervensystems mit dem Window of Tolerance – innerhalb dieses optimalen Bereichs fühlen wir uns wohl, da funktioniert auch die soziale Interaktion am besten. Dieses Fenster ist bei jedem Menschen unterschiedlich hoch und ist durch Schwangerschaft, Geburt und die Erfahrungen der ersten Lebensjahre bereits festgelegt.

Window of Tolerance

Die Amplitude des Sympathischen Nervensystems (Erregung) geht nach oben die parasympathische (Beruhigung) nach unten. Bei einer traumatischen Erfahrung stellt der Körper viel Energie bereit – für Kampf oder Flucht. Wenn wir weder kämpfen noch fliehen können dann sorgt der Hirnstamm für den Totstellreflex, der Körper geht in die Erstarrung. Die Energie wird dann nicht verbraucht und kann zu Dauerstress im Körper führen, wenn das autonome Nervensystem anschließend nicht zurück in die Entspannung findet. Auch der Totstellreflex kann chronisch werden und den Menschen in jahrelangen depressiven Zuständen festhalten.

Der Mensch - hart und facettenreich wie ein Diamant

Die positiv Coaches haben ja manchmal so ein Bild vom Menschen: Er ist facettenreich und hart wie ein Diamant.

Diskokugel anstatt Diamant Ich denke Menschen sind schon facettenreich aber deutlich fragiler und verletzbar – vor allem am Anfang des Lebens. Ich nehme anstatt einem Diamanten hier mal eine Diskokugel zur Illustration.

 

Stabiles Ich mit Grenzen Wenn ein Kind sicher gebunden ist bildet es ein stabiles Ich-Gefühl heraus, mit sicheren Grenzen. Dazu braucht es eine Mutter, die den Säugling, wenn er weint und schreit, reguliert und beruhigt. Das Nervensystem eines Babys ist noch nicht fertig, das passt sich an das Umfeld an, in das es hineingeboren wurde.

 

Nach Bindungsstörung - fehlender EinstimmungWenn ein Baby keine sichere Bindung zur Mutter hat, dann entwickeln sich weder ein ordentlicher Ich-Kern noch stabile Grenzen. Das Nervensystem ist dann auch nicht belastbar und das Kind ist nicht in Sicherheit, das heißt es ist dauernd gestresst. Weil es sich selbst noch nicht regulieren kann, spaltet es sich vom Körper ab, der Stress bleibt im Körper.

Damit sich die Diskokugel-Facetten entwickeln braucht ein Kind seine Neugier und Eltern die es sehen, mit ihm sprechen und auf seine Bedürfnisse eingehen und es freundlich anschauen. Die Realität sieht leider oft anders aus: Eltern die selbst traumatisiert sind, keinen Zugang zu ihren Bedürfnissen und Gefühlen haben, keine Zeit haben für ihre Kinder, sie als Besitzobjekte sehen, die mit Macht und Manipulation Gehorsam einfordern und die ihnen nur für Leistung Anerkennung geben … und schlimmeres.

traumatisierter MenschSo bildet sich höchstens noch eine abgeschlaffte Diskokugel mit nur wenigen Spiegeln, die nicht weiß was sie will und gehorsam tut, was die anderen tun oder von ihr erwarten. Wenn das Leben noch mit weiteren Erschütterungen kommt kann auch noch die Sinn Facette abfallen – dann folgt Depression und Burn-Out …

So erkläre ich mir den aktuellen Zustand der Menschheit. Dauergestresste Menschen, immer im Kampfmodus, die zur Kompensation nun unglaubliche sportliche und berufliche Leistungen bringen. Die in ihren Körper nicht anwesend und kommunikativ nicht erreichbar sind.

Immer gut drauf sein

Den kollektiven Wahnsinn des immer gut drauf sein müssens, Wut, Schmerz und Angst nicht zu fühlen, entlarvt Mike Hellwig in seinem Buch: Amazon.de -> Wie wir uns vom positiven Denken heilen (leider nur noch als ebook erhältlich)

Mike Hellwig - Gefühle und Wächter

Die sogenannten negativen Gefühle zu verdrängen führt zu einem maskenhaften Dasein und wiederholt nur das Trauma der Kindheit. Die nicht gefühlten Gefühle sind nicht weg, die werden im Körper abgelegt und ein Wächter installiert, der sich Mühe gibt, dass wir das nie mehr fühlen müssen. Im Buch erklärt Mike Hellwig das gut und zeigt den Weg zurück in den Körper über das verweilen bei den Körperempfindungen und über eine ehrliche Kommunikation. Dazu braucht es Menschen, die bei einem ehrlichen Gefühlsausdruck gut zuhören können .. und das nicht mit „Stell dich nicht so an“ oder „sieh doch mal das positive darin“ abblocken.

Wie kommt das in Ordnung?

Also – wie bekommt man den Sack wieder dicht, wie wird er gefüllt und bekommt Sinn und Facetten ran? Das wichtigste zuerst:

  • Diskokugel anstatt DiamantDurch eine neue reale gute Beziehungserfahrung mit einer Traumatherapeutin, die ihr Kindheitstrauma bereits aufgearbeitet hat und mit sich selbst gut in Kontakt ist (Präsenz). Meine Therapeutin hat mich 1 Jahr lang ca. 1h wöchentlich gespiegelt und mich beim verweilen bei meinen Körperempfindungen begleitet. Alles durfte so sein, wie es eben ist und ich war diesmal nicht alleine mit meinen Gefühlen und Problemen. Schon verstanden zu werden ist heilsam und auch dass da jemand ganz da ist und mit hinspürt. Dabei hat sich mein Nervensystem auch durch ihr Nervensystem reguliert. Vorsichtiger, nicht übergriffiger Körperkontakt hilft dem Nervensystem auch sich zu beruhigen. Das ist wie die fehlende Spiegelung durch die Mutter noch nachholen.
  • Selbständig weiterüben, damit sich das Körperbewusstsein verbessert. Mit Mike Hellwigs „->Radikale Erlaubnis“ bei den Körperempfindungen in Rumpf/Bauch verweilen – das ist wie den laschen Sack wieder füllen. Mit dem spüren der Körperempfindungen heilt der Hirnstamm, man kommt an die abgespaltenen Gefühle wieder dran und wenn sie auftauen, kommt viel Energie in den Körper zurück. Jetzt angenehme und unangenehmen Gefühle vollständig fühlen und nicht wieder abspalten.
  • Inzwischen gibt es auch sehr gute Selbsthilfe-Übungen, mit denen das autonome Nervensystem wieder in einen entspannten Zustand kommt.
    (siehe Buchtipp: ->Der Selbstheilungsnerv)
  • Impulsen, die aus dem Körper kommen, nachgeben. Zittern, schütteln, gähnen, stöhnen, strecken, beugen, tanzen, rennen, sich selbst befriedigen, ausruhen .. der Körper weiß was ihm gut tut, damit kann er sich selbst wieder von dem Stress im Nervensystem befreien.
  • An den Körpergrenzen arbeiten. Durch Massage oder kalt duschen die Körpergrenzen spüren, die Füße am Boden/die Socken spüren, sich auf dem Boden herumwälzen.
  • Nein sagen lernen, darauf achten und sich wehren, wenn einem Menschen zu nahe kommen. Eine gesunde Aggression entwickeln, die eigenen Symbiosemuster erkennen. (siehe Buchtipp: ->Symbiose in Systemaufstellungen)
  • Für die Facetten ist es gut in sich zu hören, was einen interessiert, was man wirklich will und das zu verfolgen. Und eine Menge Spiegel bekommt man ran, wenn man seinen Schatten annimmt, also alle Eigenschaften, die man bisher an sich ablehnt hat.
  • Damit bist du so beschäftigt, dass du das mit dem Sinn erst mal vergisst … und dann tief unten im Bauch, da findest du vielleicht Gott, der durch dich in dieser Welt Leben möchte?

 

Selbsthilfe Bücher, meditieren und spirituelle Bücher von Erleuchteten fühlen sich vielleicht kurzzeitig gut an, können dich aber vom Kern des Problems, vom Körper und den Menschen weit wegführen. Heilung geschieht über und durch den Körper und in guten realen Beziehungserfahrungen.